Seit Jahren tourt Dave de St. Pierre mit freien Truppen durch die Welt. Reduzierte Bühne, wenige Requisiten wie Tische: In seiner neuen »Creation« geht er mit radikaler körperlicher und seelischer Nacktheit wieder an die Schmerz-Grenze seiner 22 Tänzer.
Der Abend beginnt im Chaos: Körper im Urzustand, zerknüllte Kleidung, Schreie, Flüstern. Flügel erinnern an Engel. Langsam werden aus Individuen Paare, Passanten, Akteure, Voyeure. Die Rollen werden getauscht.
Barrieren zwischen Zuschauerraum und Bühne existieren für den Choreografen nicht. Wie Pina Bausch (+ Pasolini!) zelebriert er den Übergang vom Chaos zu lockeren Tanz-Formen unmerklich lässig, aber eindruckvoll konsequent.
Nackte Tänzer hängen an den Tischen wie am Kreuz. Religiöse Bilder voll archaischer Kraft gehen in ein grausames Spiel mit Emotionen, Utopien, Obsessionen, Fantasien, Illusionen, (Alp)Träumen über:
Doch das (gesellschaftliche) Imperium schlägt zurück: Small Talk, Rituale, Fun, Party, Kichern, Abendroben: Tänzer werden zu Zuschauern von unkontrollierten Gefühle, Begehren, Gier, Liebe, Brutalität eines Paares.
Man begegnet Abgründen und Gräben irritiert, verstört, lasziv, frivol: Therapien, Selbsthilfe, Spiele mit der Angst des Publikums. Ein Zuschauer wird auf die Bühne geholt.
Die Sehnsucht nach dem unverfälscht authentischen Mensch-Sein bleibt unerfüllt: Wunderbar poetische Sequenzen: Tänzer werden am Boden übergossen mit reinigendem Wasser: Hoffnung auf die erlösende Katharsis? Dave de St. Pierre hält dem Publikum schonungslos einen Spiegel vor.
Kunst, Kitsch, Entertainment, sexueller Rausch? Eine ironische Lektion über die Verwundbarkeit unsere Seins, das auch kein Bedürfnis nach Harmonie zudeckt. No Time to Say Good-Bye?
Angels with broken wings?
Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies
Facts:
Dave St-Pierre
* 1972 Kanada. Unterricht in Stepptanz, Ballett, Tänzer. in allen wichtigen kanadischen Kompanien.
2004: bare naked souls Bilderorgie mit nackten Darstellern.
Trilogie: Soziologie und andere zeitgenössische Utopien
In Salzburg erarbeitet.
2008: A Little Tenderness for Crying Out Loud 2010: Un peu de tendresse bordel de merde! 2012: New Creation
szene salzburg Angela Glechner – Intendanz (ab 1.6.)
Michael Stolhofer - Programm, Netzwerk Management